{"id":174,"date":"2012-04-25T10:07:00","date_gmt":"2012-04-25T10:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hammo.lima-city.de\/?p=174"},"modified":"2012-04-25T22:53:44","modified_gmt":"2012-04-25T22:53:44","slug":"du-bist-kultur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/derhammerl.de\/?p=174","title":{"rendered":"Du bist Kultur!"},"content":{"rendered":"<h4>Die meisten Menschen glauben, Kultur passiert im Theater, in der Oper, im Museum, im Atelier, an der Hochschule kurz gesagt: ohne sie. Dem Begriff Kultur haftet immer noch der Geschmack des Elit\u00e4ren und Exklusiven an. Der Kulturschaffende sitzt im Elfenbeinturm des Geistes und schwingt sich in Sph\u00e4ren auf, wohin ihm der Normalsterbliche nicht folgen kann. Im Gegenzug nimmt sich dieser daraufhin wieder seiner Fernbedienung an.<\/h4>\n<p>Verst\u00e4rkt wird dieser Gegensatz durch eine Kulturindustrie, welche gezielt und aus monet\u00e4ren Beweggr\u00fcnden Exklusivit\u00e4t f\u00fcr sich beansprucht. Und was macht die \u00f6ffentliche Hand? Anstelle hier bewusst eine inklusive Gegenposition zu beziehen, st\u00f6\u00dft diese in das gleiche, leider oft allzu abgeschmackte Horn. Dabei wird die konstruierte Exklusivit\u00e4t als B\u00fchne f\u00fcr die Profilierung der M\u00e4chtigen missbraucht. Und deshalb reiht sich alle Jahre wieder Event an Event und Highlight an Highlight, nicht weil es gef\u00e4llt, sondern weil es sich ziemt.<\/p>\n<p>Eine sozialdemokratische Kulturpolitik, welche diese \u00dcbel \u00fcberwinden wollen w\u00fcrde,\u00a0 setzt ein sozialdemokratisches Verst\u00e4ndnis von Kultur voraus, welches \u00fcber den Slogan \u201eKultur f\u00fcr alle!\u201c hinausgeht.<\/p>\n<p><strong>Was ist Kultur? <\/strong><\/p>\n<p>Kultur im sozialdemokratischen Sinn muss inklusiv, nicht exklusiv sein. Demzufolge ist jeder Mensch gleicherma\u00dfen Kulturschaffender. Kultur ist dann die Summe allen materiellen und immateriellen Handelns des Menschen. Sie speist sich daher per Definition aus Vergangenheit und Gegenwart und ist auf die Zukunft ausgerichtet. Die Kenntnis, das Verst\u00e4ndnis und die Auseinandersetzung mit der Kultur gibt dem Menschen Orientierung, Selbstvertrauen, Identit\u00e4t und bereitet ihm in der Folge Freude.<\/p>\n<p>Dass jeder Mensch Kulturschaffender ist, sollte zum Grundgedanken einer sozialdemokratischen Kulturpolitik werden. Es gibt daher in diesem Sinne keine Hochkultur. Die bildenden und darstellenden K\u00fcnste sowie die Wissenschaft sind nur ein Teil der Kultur. Dies bedeutet nicht, dass es keine herausragenden kulturellen Leistungen gibt, aber in diesem sozialdemokratischen Verst\u00e4ndnis von Kultur wird dem Bild einer Dreij\u00e4hrigen dieselbe Daseinsberechtigung zugesprochen, wie einem Bild von Leonardo da Vinci.<\/p>\n<p>Begreift man Kultur in diesem erweiterten, inklusiven Sinne, dann ist auch die uns\u00e4gliche Diskussion \u00fcber eine \u201eLeitkultur\u201c absolut hinf\u00e4llig. In einer Kultur bilden sich durch den Diskurs Normen und Wertigkeiten heraus. Diese werden als Konsens stillschweigend akzeptiert und zur Grundlage des individuellen Handelns erhoben. Wer glaubt, diesen Wertekanon par ordre di mufti einer Gesellschaft \u00fcberst\u00fclpen zu k\u00f6nnen, hat leider nicht verstanden, wie Kultur funktioniert. Dies ist \u00fcbrigens kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr \u201eMultiKulti\u201c, was letzten Endes auch nur eine Leitkultur, jedoch mit anderen Vorzeichen ist.<\/p>\n<p><strong>Inklusiv statt exklusiv: Ziele einer sozialdemokratischen Kulturpolitik<\/strong><\/p>\n<p>Die wichtigsten Ziele einer jeden Kulturpolitik m\u00fcssen deshalb sein: Erstens die Schaffung eines gesellschaftlichen, organisatorischen und finanziellen Rahmens, in dem sich jeder Mensch kulturell entfalten kann. Auf der Basis der Kommunen w\u00fcrde dies bedeuten, dass eine sozialdemokratische Kulturpolitik alle B\u00fcrgerInnen auffordert, sich einzubringen. Ein Beispiel: Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie setzt sich aufgrund seines Stiftungszweckes mit der Kunst der ehemals deutschen Ostgebiete auseinander. W\u00e4re es nicht sinnvoll, einmal Regensburger B\u00fcrgerInnen, die ihre Wurzeln in Osteuropa haben, einzuladen, sich k\u00fcnstlerisch mit ihrer eigenen Biographie auseinanderzusetzen und die Ergebnisse anschlie\u00dfend im Rahmen einer Ausstellung zu pr\u00e4sentieren? Oder warum wird das Regensburger B\u00fcrgerfest in seinem urspr\u00fcnglichen Sinn nicht als Fest der B\u00fcrger neu interpretiert? Prestigetr\u00e4chtige Events hingegen, bei denen der B\u00fcrger zum blo\u00dfen Konsumenten beziehungsweise zur Kulisse f\u00fcr die Selbstdarstellung Einzelner degradiert wird, k\u00f6nnten im Gegenzug getrost den privaten Veranstaltungsagenturen \u00fcberlassen werden.<\/p>\n<p>Zweitens muss Kulturpolitik darauf hinwirken, dass durch eine entsprechende Kulturp\u00e4dagogik jedem die M\u00f6glichkeit gegeben wird, sich Kenntnisse \u00fcber seine eigene und die Kultur seiner Mitmenschen anzueignen. Kultur findet nicht nur im Museum, im Theater oder im Konzertsaal statt, sondern \u00fcberall und jederzeit. Deshalb sollte eine sozialdemokratische Kulturpolitik darauf abzielen, nicht nur \u00f6ffentliche Veranstaltungen mit einem entsprechenden p\u00e4dagogischen Begleitprogramm zu flankieren, sondern auch den Menschen die M\u00f6glichkeit offerieren, sich mit der Kultur an sich zu befassen. Es gibt leider kein Schulfach Kultur und dennoch w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, dass jeder Grundkenntnisse erlangt, wie kulturelle Prozesse und Diskurse ablaufen, also zu verstehen, wie Kultur funktioniert.<\/p>\n<p>Drittens muss den Menschen die wertneutrale \u2013 beziehungsweise vorurteilsfreie \u2013 Auseinandersetzung mit ihrer eigenen und der Kultur ihrer Mitmenschen erm\u00f6glicht werden, wobei die Teilnahme an diesem Diskurs auf unterschiedlichen Ebenen allen Menschen unabh\u00e4ngig von ihrer Herkunft offen stehen muss. Diskursiv besonders wirkm\u00e4chtig und deshalb von besonderem Wert sind die kulturellen \u00c4u\u00dferungen der bildenden und der darstellenden Kunst sowie der Wissenschaft.<\/p>\n<p>Das Ergebnis w\u00e4re, dass die Kultur endlich den ihr zustehenden Stellenwert im Mittelpunkt der Gesellschaft einnehmen k\u00f6nnte. W\u00fcrde sich jeder Mensch als wichtiger, wertvoller Teil unserer Kultur begreifen, w\u00e4re schon viel gewonnen.<\/p>\n<address>(Gedruckte Version: Hammerl, Tobias: Du bist Kultur! IN: anstoss &#8211; Magazin der Jusos Regensburg, Ausgabe 2, Januar 2012, S. 7 &#8211; 8.)<\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen glauben, Kultur passiert im Theater, in der Oper, im Museum, im Atelier, an der Hochschule kurz gesagt: ohne sie. Dem Begriff Kultur haftet immer noch der Geschmack des Elit\u00e4ren und Exklusiven an. 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