{"id":347,"date":"2013-03-10T23:06:02","date_gmt":"2013-03-10T23:06:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hammo.lima-city.de\/?p=347"},"modified":"2013-03-11T12:39:56","modified_gmt":"2013-03-11T12:39:56","slug":"quo-vadis-papa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/derhammerl.de\/?p=347","title":{"rendered":"Quo vadis, papa?"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 261px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" \" title=\"Quo vadis, domine? \" alt=\"File:Domine, quo vadis.jpg\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/a\/a5\/Domine%2C_quo_vadis.jpg\/419px-Domine%2C_quo_vadis.jpg\" width=\"251\" height=\"359\" \/><p class=\"wp-caption-text\">\u201eDomine, quo vadis?\u201d<br \/>Gem\u00e4lde von Annibale Carracci, 1602<\/p><\/div>\n<p>Verschweisste Kanaldeckel, Absperrgitter und Beamte des USK an allen Ecken und Enden: Der Papst besucht seine bayerische Heimat, genauer gesagt Regensburg. Von seiner Unterkunft im hiesigen Priesterseminar rollte der Pontifex im Papamobil Richtung Dom und zur Papstwiese. Benedikt XVI. sah jubelnde, ihm zuwinkenden Massen entlang des Weges. Was er nicht sah, war dass die Zuschauer, kaum dass Papst an ihnen vorbei war, im Laufschritt zur n\u00e4chsten Station trotteten um dort ein weiteres Mal, neugierig einen Blick auf einen alten Mann im wei\u00dfen Talar in einem rollenden, dickwandigen Aquarium zu erhaschen: potemkinsche Massen f\u00fcr den Oberhirten, der einen Tag sp\u00e4ter einen bis dato eher unbekannten byzantinischen Kaiser Manuel zitierte.<\/p>\n<p>In Regensburg hat man \u2013 ob man will oder nicht \u2013 ein besonderes Verh\u00e4ltnis zum Pontifex: Die Domstadt ist die \u201eWir sind Papst!\u201c-Stadt par excellence. Im wahrsten Sinne des Wortes wohnt der Papstbruder gleich ums Eck und neben dem offiziellen Besuch soll Benedetto \u2013 wenn man einschl\u00e4gigen Ger\u00fcchten Glauben schenken darf \u2013 noch einige Male inkognito in dunklen \u201eCV\u201c-Limousinen an die Donau gekommen sein. Und nun? R\u00fccktritt am Rosenmontag. Kein Faschingsscherz, ganz im Gegenteil, aus katholischer Sicht genau der richtige Zeitpunkt: Benedikt wollte unbelastet, mit reinem Gewissen in die Fastenzeit gehen und die Wahl eines Papstes noch vor Ostern erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Der Vatikan ist der letzte absolutistische Staat der Erde und die katholische Kirche ist streng hierarchisch organisiert. Ein Papst hat die uneingeschr\u00e4nkte Richtlinienkompetenz innerhalb der Kirche und somit \u00fcber 1,2 Milliarden Menschen auf der Welt. Dies ist nicht zuletzt der Grundhaltung der Menschheit geschuldet, an die Wirkm\u00e4chtigkeit von F\u00fchrungskr\u00e4ften zu glauben, sei es nun in der katholischen Kirche oder in einem anderer milliardenschweren Weltkonzern: Der Chef entscheidet \u00fcber Wohl oder Wehe der Truppe. Nun, zumindest die katholische Kirche setzt alles daran, diesen Glauben noch zu st\u00e4rken. Keine andere Institution sonst erhebt offiziell den Anspruch dass bei der Wahl des neuen Vorstandsvorsitzenden der Heilige Geist \u2013 und somit ein guter Teil der Dreifaltigkeit \u2013 am Werk ist. Aber auch wie bei Siemens, BMW oder Daimler-Benz liegt der Fehler des Produkts oft im Detail und erreicht erst sp\u00e4t, manchmal zu sp\u00e4t, die Vorstandsebene. Dennoch, ob eine Marke heutzutage Erfolg hat, oder nicht, entscheidet letztlich die Vision des Vorsitzenden. Und insofern blickt nun \u2013 zumindest ein Teil der Menschen, und noch ein kleinerer Teil der SozialdemokratInnen \u2013 hoffnungsvoll und gespannt nach Rom, wenn sich die Kardin\u00e4le zum Konklave versammeln.<\/p>\n<p>Ein weit gr\u00f6\u00dferer Teil der deutschen Bev\u00f6lkerung wird dem Konklave mit einer Haltung, die zwischen Gleichg\u00fcltigkeit und offener Ablehnung changiert, gegen\u00fcberstehen. Dieser Teil schlie\u00dft Menschen mit ein, die zwar das Bed\u00fcrfnis nach Transzendenz in katholischen Facon haben, denen aber aufgrund eigener, in der Tradition der Aufkl\u00e4rung stehender Hirnaktivit\u00e4ten, der r\u00f6mischen Amtskirche die Gefolgschaft aufgek\u00fcndigt haben, ohne sich vom Christentum zu distanzieren. Ratlos und zur tatlos m\u00fcssen sie mit ansehen, wie die Amtskirche auf pastorale Missbrauchskandale, episkopale First-Class-Fl\u00fcge in die Slums und kardinale Verst\u00f6\u00dfe gegen das Gebot der N\u00e4chstenliebe \u2013 Stichwort Pille danach f\u00fcr Vergewaltigungsopfer \u2013 entweder in geriatrischem Starrsinn verharrt, oder schlicht und einfach die Augen verschlie\u00dft.<\/p>\n<p>\u00dcberdies gef\u00e4llt sich ein Teil der Pr\u00e4laten mehr und mehr in der Rolle von neokonservativen Kirchenf\u00fcrsten: Da gen\u00fcgt der schlichte Bischofsstuhl des Vorg\u00e4ngers im Hohen Dom nicht mehr, ein prunkvoller Thronsessel ist scheinbar unabdingbar um ex cathedra zum Kirchenvolk zu sprechen. Gleichzeitig m\u00fcssen Schafe, die zu laut bl\u00f6ken leider drau\u00dfen bleiben.<\/p>\n<p>Aber sollte ein kritischer Katholik \u00fcberhaupt Hoffnung in einen neuen Papst setzen? Jenseits der Frage, ob man noch eine zentralistisch organisierte Kirche braucht, stirbt die Hoffnung doch zuletzt und deshalb darf man in Ruhe die Augen schlie\u00dfen und sich etwas w\u00fcnschen, vom neuen Gr\u00f6\u00dften Br\u00fcckenbauer.<\/p>\n<p>Die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Demokratisierung der Kirche sollte sofort in Angriff genommen werden. Dass Demokratie eigentlich kein Teufelszeug ist beweisen die Kardin\u00e4le mit jedem Konklave. Ein neuer Papst k\u00f6nnte ja auch einfach immer von seinem Vorg\u00e4nger ernannt werden. Komisch, dass die Kurienkardin\u00e4le, wenn es um die eigene Sache geht, sehr wohl auf demokratische Wahlen \u00e1 la \u201eOne Man \u2013 One Vote\u201c bauen. Jeder Amtstr\u00e4ger der Kirche sollte in Zukunft vom Kirchenvolk gew\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Ebenfalls sehr weit oben auf der Agenda sollte die Gleichstellung von Mann und Frau stehen. Das Christentum war immer und ist heute noch eine Religion, die an der Basis auf den Schultern von Frauen im Niedriglohnsektor \u2013 ihnen wird lediglich Gotteslohn gezahlt \u2013 liegt. Im Hinblick auf die innerkirchliche Stellung der Frauen Rechnung muss diesem Umstand endlich Rechnung getragen werden. Zudem sollten Priester und Priesterinnen selbstverst\u00e4ndlich auch heiraten d\u00fcrfen, schlie\u00dflich war auch der Nazarener Rabbi mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein verheirateter Mann. Es ist l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, dass die katholische Kirche im Umgang mit den Geschlechtern ihr langes 19. Jahrhundert endlich hinter sich l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt ist das Primat des Papstes und der katholischen Kirche. Die \u00d6kumene wird nie den entscheidenden Schritt voran kommen, solange die katholische Kirche ihren Alleinvertretungsanspruch aufrecht erh\u00e4lt. Anstelle dessen sollte der Papst alle Christen als gleichwertig anerkennen. Wenn das Ziel der \u00d6kumene leider nie die \u00dcberwindung der Schismen sein wird, so sollte die Spaltung der Christen nicht noch auch vertieft werden. Hier w\u00e4re ein ger\u00fctteltes Ma\u00df an Demut angezeigt, denn die Ersten werden bekanntlich die Letzten sein.<\/p>\n<p>Jesus hat die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben. Ganz ohne wird es auch in Zukunft nicht gehen, der neue Papst sollte aber zumindest die bisch\u00f6flichen Finanzkammern zu absoluter und vorbildlicher Transparenz verpflichten. Die Kirche ist heute ein milliardenschwerer Konzern, der jedoch niemanden Rechenschaft schuldig ist und zumindest in Deutschland noch mit einer Zwangssteuer finanziert wird. Man braucht das Konkordat nicht in Frage zu stellen, aber Transparenz im Finanzgebaren w\u00e4re geboten und zwar auch im Bereich der Schattenhaushalte der Di\u00f6zesen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt ist die Reform der Liturgie. Wer einmal in Taiz\u00e9 war, hat erfahren, dass ein Gottesdienst tats\u00e4chlich erhebend sein kann. M\u00fcssen es immer harte h\u00f6lzerne Kirchenb\u00e4nke sein? Warum gibt es keine Kirchenlounge? Wohlf\u00fchlen in der Kirche w\u00e4re dann kein un\u00fcberbr\u00fcckbarer Gegensatz mehr. Als Jesus vor 5000 Menschen predigte, k\u00fcmmerte sich er auch erst einmal darum, dass jeder seine Fischsemmel bekam.<\/p>\n<p>Die Liste der Probleme, die sich Papst und Kirche stellen m\u00fcsste, ist lang und schmerzlich. Findet die Kirche endlich eine vern\u00fcnftige Einstellung zu Sex und Verh\u00fctung? Wie kann die innerkirchliche Korruption einged\u00e4mmt werden? Und wie geht die Kirche \u00fcberhaupt mit innerkirchlicher Kritik um? Die Liste lie\u00dfe sich nahezu beliebig verl\u00e4ngern. Die katholische Kirche duckt sich bisher aber vor den Problemen weg. Aber auch dies hat eine lange Tradition. Schon der allererste Papst hatte seinen Stuhl in Rom verlassen und wollte sich feige aus dem Staub machen. Dies war innerkirchlich nach einem Vorfall mit einem dreimal schreienden Hahn keine gro\u00dfe \u00dcberraschung. Au\u00dferhalb der Stadtmauern Roms traf er jedoch apokryphen Quellen gem\u00e4\u00df auf Jesus und er fragte den Herrn: \u201eQuo vadis, domine?\u201c Dieser antwortete, dass er nach Rom gehe, um sich erneut kreuzigen zu lassen. Daraufhin erkannte Petrus, der erste Papst, dass er seinem Schicksal ins Auge sehen und muss und wurde zum felsigen Grundstein der Kirche.<\/p>\n<p>(siehe: Lupenreiner Demokrat, M\u00e4rz 2013. Auf: http:\/\/www.jusos-sachsen.de\/aktuelles&#8212;detailansicht\/items\/maerz-ausgabe-lupenreiner-demokrat-682.html?file=tl_files\/jusossachsen\/Newsletter\/LupDem_109_Maerz_2013.pdf)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verschweisste Kanaldeckel, Absperrgitter und Beamte des USK an allen Ecken und Enden: Der Papst besucht seine bayerische Heimat, genauer gesagt Regensburg. Von seiner Unterkunft im hiesigen Priesterseminar rollte der Pontifex im Papamobil Richtung Dom und zur Papstwiese. Benedikt XVI. sah jubelnde, ihm zuwinkenden Massen entlang des Weges. 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